Ein Bauleiter, der täglich fünf Portale checkt, verpasst trotzdem Ausschreibungen. Das liegt nicht an Nachlässigkeit — es liegt an der Struktur des deutschen Vergabesystems: Es gibt kein zentrales Portal für öffentliche Bauaufträge.
Bund, Länder und Kommunen veröffentlichen ihre Ausschreibungen je nach Auftragswert und Rechtsgrundlage auf unterschiedlichen Plattformen. Wer sich auf einen Kanal verlässt, bekommt nur einen Teil des Markts. Diese Anleitung erklärt, welche öffentlichen Portale bei Bauaufträgen Pflicht sind, wie CPV-Codes die Suche strukturieren und wo unterschwellige Vergaben landen.
Warum es kein zentrales Portal für öffentliche Bauvergaben gibt
Das Vergaberecht ist in Deutschland dezentral aufgebaut. Öffentliche Auftraggeber sind laut § 98 GWB nicht nur Bund und Länder, sondern auch Kommunen, Stadtwerke, Krankenhäuser und Verkehrsbetriebe. Jeder dieser Auftraggeber entscheidet selbst, auf welcher Plattform er veröffentlicht.
service.bund.de ist das bekannteste nationale Aggregationsportal. Es importiert vollautomatisiert von über 70 kooperierenden Vergabeplattformen — enthält aber nicht jede Ausschreibung aus jedem Bundesland, weil die Kooperation freiwillig ist.
Länder betreiben eigene Portale: vergabe.nrw.de in Nordrhein-Westfalen, vergabe.bayern.de in Bayern, DTVP für mehrere nord- und ostdeutsche Länder. Wer in mehreren Bundesländern aktiv bietet, braucht entsprechend mehrere Quellen im Blick.
Erst oberhalb des EU-Schwellenwerts wird die Veröffentlichungspflicht einheitlich: Alle Bauaufträge ab 5.404.000 € netto müssen zwingend auf TED (Tenders Electronic Daily) erscheinen — geregelt durch die Delegierte Verordnung (EU) 2025/2150, in Kraft seit dem 1. Januar 2026.
Die Pflichtportale nach Auftragswert
Wo eine öffentliche Bauausschreibung erscheinen muss, hängt direkt vom Auftragswert ab.
Oberschwellig (≥ 5.404.000 € netto)
TED — Tenders Electronic Daily (ted.europa.eu) ist die amtliche EU-Pflichtquelle. Jede Bauausschreibung oberhalb des Schwellenwerts muss hier bekanntgemacht werden, bevor sie national veröffentlicht wird. TED ist kostenlos zugänglich und bietet Suchfilter nach CPV-Code, Land, Auftraggeber-Typ und Verfahrensart. Die Oberfläche ist auf technische Anforderungen ausgelegt — wer schnell screenen will, findet den Einstieg über service.bund.de oft praktischer, da deutsche TED-Bekanntmachungen dort automatisch übernommen werden.
Unterschwellig (< 5.404.000 € netto)
Hier entscheidet jede Vergabestelle selbst. Die relevantesten öffentlichen Portale:
| Bundesland / Bereich | Portal | Adresse |
|---|---|---|
| Bund | service.bund.de | service.bund.de |
| Nordrhein-Westfalen | Vergabe.NRW | vergabe.nrw.de |
| Bayern | eVergabe Bayern | vergabe.bayern.de |
| Hessen | LHVS Vergabe | vergabe.hessen.de |
| Diverse Länder | DTVP | dtvp.de |
| EU-weit (Pflicht oberschwellig) | TED | ted.europa.eu |
Keine dieser Plattformen erfasst alle deutschen Vergaben vollständig. Das ist keine Softwareschwäche — das ist die Systemlogik einer föderalen Vergabestruktur. Für mittelständische Bauunternehmen, die in zwei oder drei Bundesländern aktiv sind, entsteht daraus ein erheblicher Monitoring-Aufwand.
CPV-Codes: Wie die Suche strukturiert ist
Auf TED und den meisten modernen Vergabeplattformen läuft die gezielte Suche über CPV-Codes. CPV steht für Common Procurement Vocabulary — das EU-weit einheitliche Klassifikationssystem für Auftragsgegenstände. Jede öffentliche Ausschreibung trägt einen oder mehrere Codes. Bieter können danach filtern, statt Volltextsuchen durch hunderte Bekanntmachungen zu laufen.
Die wichtigsten CPV-Codes für Bauunternehmen:
| Code | Beschreibung |
|---|---|
| 45000000 | Bauarbeiten (allgemein) |
| 45100000 | Baureifmachung von Grundstücken |
| 45200000 | Komplett- oder Teilbauleistungen im Hochbau und Tiefbau |
| 45210000 | Hochbauarbeiten |
| 45230000 | Tiefbau- und Straßenbauarbeiten |
| 45300000 | Bauinstallationsarbeiten (TGA, Elektro, HVAC) |
| 45400000 | Ausbauarbeiten |
Für TGA-Gewerke — Heizung, Lüftung, Sanitär, Elektrotechnik — ist 45300000 der Einstieg. Tiefbau und Straßenbau liegt unter 45230000. Wer als GU breite Hochbauprojekte abdeckt, filtert auf 45200000 und alle darunter liegenden Untergruppen.
Ein Praxisproblem: Auftraggeber vergeben CPV-Codes nicht immer einheitlich. Ein Schulneubau kann unter 45214210 (Bau von Grundschulen), unter 45210000 (Hochbauarbeiten allgemein) oder einfach unter 45000000 landen. Wer ausschließlich nach CPV-Code sucht, verpasst falsch klassifizierte Ausschreibungen. Die bessere Strategie kombiniert CPV-Filter mit Textfiltern und regionaler Eingrenzung.
Unter- vs. oberschwellig: Was das für die Suche bedeutet
Der EU-Schwellenwert bestimmt nicht nur das rechtliche Regelwerk — er bestimmt, wo gesucht werden muss.
Oberschwellig (≥ 5.404.000 € netto bei Bauleistungen)
- TED-Veröffentlichung: Pflicht
- Mindestangebotsfrist: 35 Tage (offenes Verfahren), reduzierbar auf 30 Tage bei vollständig elektronischer Bereitstellung der Vergabeunterlagen
- Strenge Eignungsprüfung nach VgV und VOB/A 2. Abschnitt
- Rechtsschutz: Nachprüfungsantrag bei der Vergabekammer möglich (§§ 155–184 GWB)
Unterschwellig (< 5.404.000 € netto)
- Kein TED-Zwang
- Veröffentlichung auf nationalen oder Landesportalen nach UVgO oder VOB/A 1. Abschnitt
- Kürzere Fristen, weniger formale Anforderungen
- Kein Vergabekammer-Rechtsschutz für unterlegene Bieter
Seit dem 1. Januar 2026 gilt beim Bund eine einheitliche Direktauftragsschwelle von 50.000 € netto für Bauleistungen (§ 3a VOB/A in der Neufassung). Aufträge darunter werden nicht öffentlich bekanntgemacht und erscheinen auf keinem Portal.
Für mittelständische Bauunternehmen liegt der Großteil der relevanten Aufträge unterhalb der EU-Schwelle. Die wichtigsten öffentlichen Portale sind daher nicht TED, sondern die Landesportale — und deren Vollständigkeit variiert je nach Bundesland. Alles zur Schwellenwertprüfung und Auftragswertberechnung erklärt unser Artikel EU-Schwellenwerte 2026: Was für Bauausschreibungen jetzt gilt.
Welche Verfahrensarten auf Portalen erscheinen
Nicht jede öffentliche Bauausschreibung ist ein offenes Verfahren. Die Wahl des Verfahrens beeinflusst, wann und wie Bieter einsteigen können:
- Offenes Verfahren: Bekanntmachung mit direktem Angebotsrecht — jedes geeignete Unternehmen kann einreichen, kein Vorab-Filter
- Beschränkte Ausschreibung / nicht offenes Verfahren: Erst Teilnahmeantrag, dann Angebotsaufforderung an ausgewählte Bieter
- Verhandlungsverfahren: Preis und Bedingungen werden verhandelt — bei komplexen Bauleistungen nach § 14 VgV zulässig
Der Einstiegspunkt für Bieter ist immer die Bekanntmachung. Sie listet Verfahrensart, Eignungsanforderungen, Fristen und CPV-Codes. Wer die Bekanntmachung früh liest, hat die volle Angebotsfrist. Wer sie spät findet, arbeitet gegen die Uhr.
Eine Übersicht aller Verfahrensarten und wann welches greift: Vergabeverfahren Bau: Arten im Überblick.
Was bei der Eignungsprüfung gefordert wird — Referenzen, Bilanzen, Versicherungsnachweise, PQ-VOB-Status — erklärt Eignungsnachweise bei Bauausschreibungen: Was wirklich zählt.
Wie brixl die Fragmentierung löst
Das eigentliche Problem ist nicht, dass es Vergabeportale gibt — sondern dass es zu viele sind, um sie täglich manuell zu beobachten. Ein Bauunternehmen mit Aktivitäten in drei Bundesländern müsste mindestens fünf öffentliche Portale plus TED kontinuierlich prüfen.
brixl ist die KI-Plattform für die deutsche Baubranche, die Bauausschreibungen aus allen öffentlichen Portalen aggregiert und mit nachvollziehbarer KI qualifiziert. Das Ergebnis ist eine täglich aktualisierte, gefilterte Liste nach Gewerk, Region, Auftragswert und Verfahrensart — keine Stapel von Rohtreffer, sondern eine Bid-/No-Bid-Entscheidung mit Datenbasis statt Bauchgefühl.
Häufige Fragen zu öffentlichen Bauaufträgen
Muss ich mich bei Vergabeportalen registrieren, um Bauausschreibungen zu sehen?
Die meisten öffentlichen Portale — service.bund.de, TED, vergabe.nrw.de, vergabe.bayern.de — sind ohne Registrierung zugänglich. Für den Download von Vergabeunterlagen verlangen einige Plattformen eine kostenlose Bieter-Registrierung. Private Plattformen wie DTVP oder subreport bieten teils kostenpflichtigen Premium-Zugang mit erweiterter Suche.
Was ist der Unterschied zwischen service.bund.de und TED?
TED (ted.europa.eu) ist das amtliche EU-Portal für alle öffentlichen Aufträge oberhalb der EU-Schwellenwerte — bei Bauleistungen ab 5.404.000 € netto (Delegierte Verordnung (EU) 2025/2150). service.bund.de ist das deutsche Aggregationsportal für nationale Bekanntmachungen, das von über 70 Vergabeplattformen automatisiert importiert. Unterhalb der EU-Schwelle veröffentlichen viele Auftraggeber nur auf service.bund.de oder Landesportalen, nicht auf TED.
Warum taucht eine Bauausschreibung nicht auf service.bund.de auf?
service.bund.de importiert nicht von allen deutschen Vergabeplattformen — die Kooperation ist freiwillig. Auftraggeber, die auf nicht-kooperierenden Plattformen veröffentlichen, erscheinen dort nicht. Um sicher zu gehen, muss das zuständige Landesportal direkt geprüft werden.
Welcher CPV-Code gilt für Hochbauausschreibungen?
Für allgemeinen Hochbau ist 45200000 der Einstiegscode. Spezifische Gebäudetypen haben Untergruppen, z. B. 45214210 für Schulbau. Da Auftraggeber CPV-Codes nicht immer einheitlich vergeben, empfiehlt sich die Kombination aus CPV-Filter und Textsuche.
Gilt die Ausschreibungspflicht auch für kleine Kommunen?
Ja. Alle öffentlichen Auftraggeber nach § 98 GWB — also auch kleine Kommunen — müssen Aufträge ab einem bestimmten Auftragswert öffentlich bekanntmachen. Unterhalb der Direktauftragsschwelle (ab 01.01.2026: 50.000 € netto bei Bauleistungen beim Bund, § 3a VOB/A) kann ohne Veröffentlichung direkt vergeben werden. Landesregelungen sehen teils höhere Wertgrenzen vor.
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