Wer in der vergangenen Woche eine Schlagzeile über „Direktaufträge für Startups bis 100.000 Euro" gelesen hat, fragt sich zu Recht: Betrifft mich das? Für die meisten mittelständischen Bauunternehmen lautet die ehrliche Antwort: beim Startup-Teil eher nicht — aber die beiden anderen Verwaltungsvorschriften aus demselben Paket sind relevant.
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat am 10. Juni 2026 drei neue Verwaltungsvorschriften beschlossen, die am 1. Juli 2026 in Kraft treten — zeitgleich mit dem Vergabebeschleunigungsgesetz. Alle drei gelten ausschließlich für Bundesbehörden. Länder und Kommunen sind nicht gebunden.
Die drei Verwaltungsvorschriften im Überblick
| VV | Kernregel | Für wen relevant |
|---|---|---|
| VV Startups | Direktauftrag bis 100.000 € für Startups mit „innovativer Leistung" (≤ 4 Jahre) | Junge Unternehmen mit neuartigem Angebot |
| VV Verhandlungsvergabe | Verhandlungsvergabe ohne TW bis 100.000 € — ohne Bedingungen | Alle Bieter bei Bundesbehörden |
| VV Sicherheitsbehörden | Direktauftrag Bau bis 1.000.000 € für BPol, BfV, BND, THW | Baufirmen mit Sicherheitsbehörden als Kunden |
VV Startups: Direktauftrag bis 100.000 Euro — aber nicht für alle
Bundesbehörden dürfen ab Juli junge Unternehmen bis zu einem Auftragswert von 100.000 Euro netto direkt beauftragen, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind: Das Unternehmen ist nicht älter als vier Jahre nach Gründung, und es bietet eine „innovative Leistung" im Sinne der VV an.
Ein Unternehmen, das seit 2023 Cloud-Software für Behörden entwickelt: passt. Ein 2024 gegründetes Unternehmen für modulare Fassadensysteme mit neuem Verfahren: könnte passen. Ein klassischer Hochbaubetrieb, der 2023 gegründet wurde und Standardleistungen nach VOB ausführt: wahrscheinlich nicht — jedenfalls nicht automatisch.
Die Frage, was konkret als „innovativ“ gilt, wird die Praxis erst klären. Für traditionelle Bauunternehmen sollte diese Regel daher nicht als Freifahrtschein behandelt werden.
Eine zweite Regelung betrifft Unternehmen bis acht Jahre nach Gründung: Für Liefer- und Dienstleistungen bis zum EU-Schwellenwert können Bundesbehörden eine Verhandlungsvergabe mit nur diesem einen Unternehmen führen, sofern das Startup eine Leistung mit entsprechendem Neuheitsgehalt liefert. Diese Regel gilt ausdrücklich nur für Liefer- und Dienstleistungen, nicht für Bauleistungen.
VV Verhandlungsvergabe: Die breiteste Änderung für alle Bundesbieter
Das ist die Regelung, die für Bauunternehmen am meisten Gewicht hat — auch wenn sie weniger Schlagzeilen gemacht hat als der Startup-Direktauftrag.
Bisher mussten Bundesbehörden für eine Verhandlungsvergabe ohne Teilnahmewettbewerb bestimmte Voraussetzungen nachweisen: Dringlichkeit, sehr begrenzte Bieterzahl oder andere besondere Umstände. Ab 1. Juli 2026 entfällt dieser Nachweis für Aufträge bis 100.000 Euro netto.
Was das praktisch bedeutet: Eine Bundesbehörde, die einen Instandsetzungsauftrag über 70.000 Euro vergeben will, kann jetzt direkt drei bis fünf bekannte Firmen ansprechen, Angebote einholen und verhandeln — ohne ein formales Verfahren mit öffentlicher Bekanntmachung. Diese Aufträge erscheinen nicht auf Vergabeportalen.
Das ist kein Einzelfall in einem Nischenbereich. Bundesbehörden vergeben regelmäßig kleinere Bau- und Instandsetzungsleistungen in genau diesem Bereich. Wer bislang auf diese Aufträge über Portale gestoßen ist, wird sie dort seltener finden.
Die Einladungsliste für solche Verhandlungsvergaben erstellen Beschaffungsstellen selbst. Unternehmen, die bei Bundesbehörden bekannt sind und gute Referenzen haben, kommen auf diese Listen. Unbekannte kommen nicht drauf.
VV Sicherheitsbehörden: 1 Million Euro Bau ohne Ausschreibung
Diese Verwaltungsvorschrift überträgt die Beschaffungserleichterungen, die 2025 für die Bundeswehr beschlossen wurden, auf weitere Sicherheitsbehörden des Bundes.
Für Bundespolizei, Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), Bundesnachrichtendienst (BND), Technisches Hilfswerk (THW) und Katastrophenschutzbehörden gilt ab 1. Juli:
- Liefer- und Dienstleistungen: Direktauftrag bis zum EU-Schwellenwert 2026 (sonstige Auftraggeber: 216.000 Euro netto)
- Bauleistungen: Direktauftrag bis 1.000.000 Euro netto
Ein Sicherheitsdienstleister, der Technik an die Bundespolizei liefert, kann damit bis 216.000 Euro direkt beauftragt werden. Ein Bauunternehmen, das Liegenschaften des THW oder BND baut, kann für Aufträge bis 1 Million Euro ohne öffentliche Ausschreibung angesprochen werden.
Für Bauunternehmen, die in diesem Segment tätig sind oder es erschließen wollen, ist das eine grundlegende Änderung: Aufträge, die früher öffentlich ausgeschrieben wurden, laufen jetzt über direkten Kontakt. Wer keine Beziehung zu diesen Behörden hat, erfährt von diesen Aufträgen nicht.
Was bleibt unverändert
Wichtig für die Einordnung: Alle drei VVs betreffen nur Bundesbehörden. Für Vergaben von Ländern, Landkreisen und Kommunen — also den weitaus größten Teil des öffentlichen Baumarkts — gelten diese Regeln nicht. Dort bleiben VOB/A, UVgO und die jeweiligen Landesvergabeordnungen maßgeblich.
Und: Bundesaufträge für Bauleistungen über 100.000 Euro außerhalb der Sicherheitsbehörden-Ausnahme werden weiterhin förmlich ausgeschrieben. Das Gros der bundesweiten Bauaufträge — Bundesverkehrsinfrastruktur, Bundesliegenschaften, Bundesbehördengebäude in größerem Maßstab — bleibt öffentlich sichtbar.
Weniger Portal, mehr Beziehung — was brixl dazu beiträgt
Die drei VVs verschieben einen Teil der Bundesbeschaffung weg von öffentlichen Bekanntmachungen hin zu direktem Kontakt. Das ist die Richtung, die das Vergabebeschleunigungsgesetz ebenfalls einschlägt — und die BMWE-VVs setzen sie noch konsequenter um.
brixl ist die KI-Plattform für die deutsche Baubranche, die Bauausschreibungen aus allen öffentlichen Vergabeportalen aggregiert und mit nachvollziehbarer KI qualifiziert. Der Anteil öffentlich bekanntgemachter Bundesaufträge im unteren und mittleren Bereich sinkt. Das ist ein realer Effekt — und er macht zwei brixl-Werkzeuge wertvoller:
Netzwerk-Analysen zeigen, welche Behörden welche Art von Aufträgen regelmäßig vergeben und an welche Unternehmen. Wer als Baufirma bei Bundesbehörden oder Sicherheitsstellen bekannt sein will, braucht genau dieses Bild: Wer entscheidet, wer kauft, wer wurde bisher beauftragt.
Das Vergabe-CRM hilft, diese Behördenkontakte systematisch aufzubauen und zu dokumentieren. Einladungen in eine Verhandlungsvergabe nach der neuen VV kommen nicht aus dem Nichts — sie kommen aus gepflegten Beziehungen.
Und: Vergabeunterlagen, die ein Unternehmen direkt von einer Bundesbehörde erhält, lassen sich in brixl genauso qualifizieren und bearbeiten wie Aufträge, die über ein Portal gefunden wurden.
Häufige Fragen
Ab wann gelten die drei neuen BMWE-Verwaltungsvorschriften?
Die drei Verwaltungsvorschriften treten am 1. Juli 2026 in Kraft — zeitgleich mit dem Vergabebeschleunigungsgesetz. Der Kabinettsbeschluss erfolgte am 10. Juni 2026.
Gelten die neuen BMWE-Regeln auch für Länder- und Kommunalvergaben?
Nein. Die BMWE-Verwaltungsvorschriften sind ausschließlich für Bundesbehörden bindend. Länder und Kommunen haben eigene Vergaberegeln und sind an die Bundes-VVs nicht gebunden.
Profitiert mein klassisches Bauunternehmen von der Startup-Verwaltungsvorschrift?
Wahrscheinlich nicht, wenn es sich um konventionelle Bauleistungen handelt. Die Startup-VV setzt voraus, dass das Unternehmen eine als „innovativ“ geltende Leistung anbietet. Standardmäßige Hochbau- oder Tiefbauarbeiten fallen in der Regel nicht darunter. Für Bauunternehmen relevanter sind die VV Verhandlungsvergabe und — für Unternehmen mit Sicherheitsbehörden als Kunden — die VV Sicherheitsbehörden.
Was ändert die Verhandlungsvergabe-VV für Bauunternehmen bei Bundesaufträgen?
Bundesbehörden können ab 1. Juli 2026 die Verhandlungsvergabe ohne Teilnahmewettbewerb bis zu einem Auftragswert von 100.000 Euro netto ohne besondere Bedingungen einsetzen. Das bedeutet: Mehr informelle Einladungen, weniger formale Bekanntmachungen in diesem Bereich. Wer regelmäßig bei Bundesbehörden tätig ist, sollte dort präsent sein — Einladungen gehen an bekannte Unternehmen.
Für welche Sicherheitsbehörden gilt die neue 1-Million-Euro-Grenze bei Bauleistungen?
Die Verwaltungsvorschrift Sicherheitsbehörden gilt für Bundespolizei, Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), Bundesnachrichtendienst (BND), Technisches Hilfswerk (THW) und Katastrophenschutzbehörden des Bundes. Diese Stellen können Bauleistungen bis 1.000.000 Euro netto als Direktauftrag vergeben.
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